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Theologische Differenzen haben dazu geführt, daß die Verantwortlichen der Akademie für Reformatorische Theologie (ART) künftig getrennte Wege gehen werden. Trotz langer Beratungen in den zuständigen Gremien konnten die Gegensätze am Ende nicht mehr überbrückt werden.
Unmittelbarer Anlaß des Meinungsstreits waren theologisch-systematische Fragen zur Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) und zum Verständnis des Verhältnisses zwischen der Gemeinde Jesu Christi und dem Volk Israel.
Zuletzt hatte der Stiftungsrat mehrheitlich ein neues Grundsatzpapier beschlossen, in dem u.a. die Auffassung vertreten wird, daß eine chiliastische Position (die von einem zukünftigen 1000-jährigen Reich ausgeht) nicht mit den Grundlagen reformatorischer Theologie vereinbar sei. Von den drei Vorstandsmitgliedern der Akademie verlangte der Stiftungsrat eine Anerkennung des Grundsatzpapiers als Voraussetzung ihrer weiteren Mitarbeit. Diese Zustimmung hat der Rektor der Akademie, Wolfgang Nestvogel (Hannover), verweigert. Er wird darin von der Minderheit des Stiftungsrates unterstützt, die das neue Papier als eine Änderung des bisherigen theologischen Kurses ablehnt. Gemeinsam mit Nestvogel will man die bewährte Arbeit fortsetzen und in Hannover ein eigenes akademisches Ausbildungsangebot präsentieren.
Die Mehrheit des Stiftungsrates hat dagegen am 20. Juli eine Presseerklärung verbreitet, in der gesagt wird, Nestvogel habe seinerseits die Grundlagen der ART verändern und einen neuen Kurs durchsetzen wollen.
Auf Rückfrage der Nachrichtenagentur idea, die Nestvogel mit dieser Behauptung konfrontierte, antwortete der Theologe mit folgender Erklärung:
Die Darstellung der Vorgänge, wie sie in der Presseerklärung erfolgt, weise ich als unwahr zurück.
Nicht ich habe versucht, die Grundlagen der ART zu verändern. Vielmehr hat die Mehrheit des Stiftungsrates am 16. Juli ein neues Grundsatzpapier beschlossen, in dem - neben vielen konsensfähigen Aussagen - chiliastische Positionen (die von einem zukünftigen 1000-jährigen Reich und einer Zukunft für das Volk Israel ausgehen) als nicht-reformatorisch ausgegrenzt werden. Von den drei Dozenten im Vorstand hat der Stiftungsrat gefordert, sich diesem Papier in allen Aussagen zu unterwerfen. Wer dazu nicht bereit sei, könne nicht weiter an verantwortlicher Position für die ART mitarbeiten.
Ich habe die geforderte Zustimmung aus Gewissensgründen verweigert, woraufhin mir mit sofortiger Wirkung die Leitung der Akademie entzogen wurde. Bis dahin hatten unter dem Dach der Akademie zu den umstrittenen Fragen verschiedene Sichtweisen nebeneinander existieren können. Meine eigene Position ist seit vielen Jahren bekannt, da ich sie immer wieder auch öffentlich vertreten habe. Im ersten Stiftungsrat, durch den die Akademie vor 10 Jahren gegründet worden war, hatte die überwiegende Mehrheit der Mitglieder (5 von 7) meine Auffassung zu diesen Punkten geteilt. Erst durch eine in den letzten Jahren erfolgte Veränderung der Mehrheitsverhältnisse ist jetzt ein solcher Beschluß möglich geworden. Der Stiftungsrat, der inzwischen von einer konfessionell-reformierten Mehrheit dominiert wird, hat vorher gewusst, daß er mit der Durchsetzung des neuen Dokuments meine weitere Mitarbeit an der ART unmöglich machen würde.
Ausgangspunkt des Konflikts war der Entwurf eines Aufsatzes, den ich im letzten Jahr zur Veröffentlichung vorgelegt und dann auf Drängen des Stiftungsrates bis heute nicht publiziert hatte. Darin begründe ich die Auffassung, daß es einen „reformatorischen Konsens“ gibt, der über das lutherische und reformierte Spektrum hinausreicht. Er schließt auch Mitglieder anderer evangelischer Denominationen (wie z.B. Baptisten, Mennoniten, Brüdergemeindler) ein, sofern diese den Grundüberzeugungen der Reformation zustimmten, wie sie in den sola-Bestimmungen formuliert sind (allein aus Gnaden, allein durch den Glauben, allein Christus, allein die Bibel).
Ich habe in diesem Aufsatz jedoch an keiner Stelle gefordert, daß die ART ihre eigene Position erweitern oder modifizieren solle. Ich habe dies auch an keiner anderen Stelle getan. Wer mir unter Hinweis auf den Aufsatz unterstellt, die Grundlagen der ART ändern zu wollen, wird keinen Beweis dafür finden, zumal es in dem Aufsatz überhaupt nicht um die Grundlagen der ART ging. Auch der Chiliasmus wird darin nicht diskutiert, sondern nur in einem kurzen Hinweis als Beispiel erwähnt.
Hier dokumentieren wir den Text der Presseerklärung des Stiftungsrates der ART vom 20. Juli:
Pressemitteilung: Kein Kurswechsel an der ART, Hannover
Der Rektor der Akademie für Reformatorische Theologie (ART), Dr. Wolfgang Nestvogel, hat den Entschluss gefasst, sein Amt als Mitglied des Vorstandes und als Rektor dieser theologischen Ausbildungsstätte nicht weiter auszuüben.
Die Grundlage der ART orientiert sich an den lutherischen und reformierten Bekenntnissen. In diesem Sinn wurde der Begriff "reformatorisch" an der ART seit ihrer Gründung verwendet. Im Herbst 2009 wurde die ART mit der Frage konfrontiert, ob der Begriff "reformatorisch" in der ART auch die Möglichkeit bietet, unter anderem baptistische, anglikanische oder dispensationalistische Positionen im Namen der ART zu vertreten. Diese Ansicht wurde von Dr. Nestvogel in die Diskussion eingeführt.
Nach einer tiefgehenden Untersuchung ist das Kuratorium bei der Überzeugung geblieben, dass an der ART der Begriff "reformatorisch" nicht ausgedehnt werden kann. Die Arbeit der ART wird in Kontinuität zu dem bisherigen Verständnis weitergeführt.
Im Namen des Stiftungsrates (Kuratoriums) der ART
Prof. Dr. J.W. Maris, Vorsitzender des Stiftungsrates
Thomas Tanetschek
Über die weitere Entwicklung der Vorgänge werden wir Sie an dieser Stelle jeweils aktuell informieren.
Die entsprechende idea-Meldung finden Sie im übrigen hier.
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